Jede fünfte Lehrperson gibt ihren Job innerhalb der ersten fünf Jahre auf. Das sind die Gründe dafür.

Bild: Christian Beutler/Keystone
Demotivation: An der Pädagogischen Hochschule wird man das so nie hören. Und doch ist es eine Tatsache: Die Schule ist das grösste Zwangssystem in einer freiheitlichen Gesellschaft. Elf Jahre lang werden die Kinder in ein Schulzimmer gesteckt, ohne dass sie dazu eingewilligt haben. Anfangs machen sie noch begeistert mit. Doch wenn allmählich die eigene Identität und der Wille zur Freiheit erwacht, droht die Entfremdung. Zur selben Zeit wird der Schulstoff komplexer und abstrakter. Misserfolge nehmen laufend zu, während der Selbstwert eine immer grössere Rolle spielt. Erfolglose Schüler reagieren mit einer Abwertung der Schule. Und die selbstreflektierte Lehrperson merkt: Ich unterrichte etwas, das gut die Hälfte der Jugendlichen nicht interessiert. Sie fragt sich: Wäre das Leben nicht schöner als Barkeeper, wo die Menschen freiwillig und frohgemut hereinspazieren, um einen Drink zu bestellen?
Erschöpfung: Noch eine Tatsache, die an der Hochschule kein Thema ist: Die Schule ist eine einzigartige Effizienzmaschine. Eine Person unterhält täglich, fünf Tage die Woche, 20 Kinder in einem 70 Quadratmeter grossen beziehungsweise kleinen Raum. Welch Kosteneffizienz! Einziger Schönheitsfehler: die Abnutzung. Die Lehrperson wird jedes Jahr älter; die Jugendlichen im Klassenzimmer jedoch strotzen stets vor Energie und Tatendrang. Sie können pausenlos reden, herumrennen, Ideen aushecken – wenn nötig, den ganzen Tag. Wen wundert es, wenn die Lehrperson am Ende des Tages zu müde ist, um eine Klasse entschlossen zu führen?
Repetition: Irgendwann kann man sich selbst nicht mehr hören. Begrüssung und Wertevermittlung in der ersten Woche, die vier Fälle, das passé composé, die Plattentektonik, der Absolutismus: Interessiert das wirklich noch jemanden? Spätestens nach der vierten Wiederholung kommt einem das Gesagte schal vor. Wenn selbst die Witze beginnen, sich zu wiederholen, dann weiss man: das war’s für mich.
Reformen: Was ein guter Unterricht ist, war wahrscheinlich noch nie so unklar wie heute. Selbstorganisiert? Kooperativ? Lehrerzentriert? Handlungsorientiert? Projektbasiert? Separiert? Integriert? Digital? Haptisch? Hat sich die Lehrperson eine Offenheit für andere Lernmethoden bewahrt, kommt sie zwangsläufig ins Grübeln. Ist mein Unterricht überhaupt noch zeitgemäss? Oder muss ich alles auf den Kopf stellen? Um zwei Jahre später zu hören, dass es doch umgekehrt ist?
Feedback: Feedback erhält man in der Schule in der Regel dann, wenn etwas schiefläuft. Der gute Unterricht? Wird vorausgesetzt. Kommt dazu: Was eine Lehrperson leistet, ist nicht greifbar. Neuronale Verknüpfungen lassen sich nicht sehen. Wäre es da nicht schöner, ein Haus zu bauen?
Oberstufenlehrer Roger Braun
Unser Kolumnist wurde als Quereinsteiger zum Lehrer. Hier teilt er seine Beobachtungen zum Schulalltag. In seinem früheren Leben war er Journalist.
schulinspektion@chmedia.ch
Beitrag übernommen vom Artikel https://www.tagblatt.ch/leben/lehrpersonen-im-beruf-diese-gruende-fuehren-zum-ausstieg-ld.4187754 am 23.0’6.2026
















































































