Nachfolgend ein Beitrag aus der Zeitschrift Oliv – Die grünen Seiten des Lebens. Link zur Webseite www.oliv-zeitschrift.ch
Frühling, Sommer, Herbst oder Winter ist mir eigentlich egal – abends und in der Nacht sitze ich gerne mit lieben Menschen irgendwo draussen um ein offenes Feuer herum. Oben leuchten die Sterne, unten flackert das Feuer. Wir reden miteinander, wir hören einander zu, wir schweigen gemeinsam, schauen,den eigenen Gedanken überlassen, in die Glut, und nicht selten beginnen wir zu singen, zu trommein und zu tanzen. Und so mancher Feuergast, der sicherheitshalber erst noch allen sagen muss, dass er weder singen noch trommeln noch tanzen kann, entpuppt sich im Verlauf der Nacht als endlich frei gelassenes Naturtalent, aus dem die pure, wilde Lebensfreude strömt wie ein von allen Barrieren befreiter mächtiger Fluss.
«Ich habe mich schon lange nicht mehr so verbunden mit allem gefühlt», höre ich dann oft, meist gefolgt vom Nachsatz: «Das müssen wir unbedingt wieder mal machen.» Mich freut das jeweils sehr, denn das Gefühl echter Verbundenheit mit sich selbst, der Erde und allen sichtbaren und unsichtbaren Wesen ist leider keine Selbst-Verständlichkeit mehr. Noch nie, las ich kürzlich in einem Zeitungsbericht, hätten sich so viele Menschen einsam gefühlt wie heute. Nicht einfach allein, nein, einsam und mit nichts und niemandem verbunden. Am allerwenigsten mit sich selbst. Das ist ein himmeltrauriger Zustand. Aber wie kommt das nur? Nie zuvor in der Geschichte waren wir Menschen Tag und Nacht so eng miteinander verbunden, und das global: per Telefon, Zoom, auf Facebook, Instagram, Tinder, Snapchat, Tiktok, Grindr, Telegram, WhatsApp und was weiss ich noch allem. Noch nie zuvor war das Leben materiell so reich. Das Glück ist als Sonderangebot und Liebe auf Bestellung immer nur einen Mausklick weit entfernt- und trotzdem fühlen sich immer mehr Menschen leer, ausgebrannt und eben einsam. Der jährlich steigende Konsum von Antidepressivaund legalen und illegalen Drogen bestätigt das. Was mich dabei besonders erschüttert sind die Meldungen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche davon betroffen sind.
Heerscharen von Psychologen, Soziologen und Psychiatern forschen nach den Ursachen, und machen unter anderem Stress, Leistungsdruck, materielle Übersättigung aber auch Angst vor Wohlstandsveriust und Umweltkatastrophen dafür verantwortlich. Wowitan Uha Mani, Medizinmann der Lakota aus South Dakota, sieht das einfacher: «Ihr habt die Verbindung zur Erde und damit zu euch selbst verloren», sagt er. «Eure digitalen Feuerstellen und euer materieller Reichtum geben keine Herzenswärme ab.»
Wie recht er hat, denke ich jedes Mal, wenn ich im Tipi ein Feuer anzünde und beobachte, wie ruhig und entspannt die darum herumsitzenden Menschen werden; wie die, die sich vorher fremd waren, näher zusammenrücken und echte Nähe und Verbindung zueinander aufnehmen; wie sie einfühlsam aufeinander eingehen und sich vertrauensvoll öffnen – und sich einige plötzlich einfach umarmen. Manchmal mit Lachen, manchmal mit Tränen. Dann singen, dann trommeln und dann tanzen wir und sind nicht mehr Banker, Ärztin, Lehrer oder Kaminfegerin, sondern einfach nur noch Kinder der Erde.
Schliesslich wollen wir nicht enden wie jenes Paar, das ein Slampoet so beschrieb: «Und abends liegen sie Rücken an Rücken im Bett – und streicheln ihre Handys.» Da kann ich wirklich nur sagen: «Sorry, falsch verbunden.
Markus Kellenberger ist Autor und Journalist. In seiner Kolumne «Wettenwanderer» richtet er den Blick auf das Unspektakuläre – auf die kleinen Begebenheiten, in denen sich oft die grossen Fragen verstecken. An seinen «Feuerabenden» im Tipi lädt er Menschen dazu ein, innezuhalten, um Kraft zu schöpfen, markuskellenberger.ch. Der Kolumnist äussert seine persönliche Meinung. Diese muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.