{"id":4570,"date":"2025-07-17T20:11:30","date_gmt":"2025-07-17T20:11:30","guid":{"rendered":"https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/?p=4570"},"modified":"2025-07-17T20:12:05","modified_gmt":"2025-07-17T20:12:05","slug":"zwingli-gott-und-die-universitaet-zuerich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/index.php\/2025\/07\/17\/zwingli-gott-und-die-universitaet-zuerich\/","title":{"rendered":"Zwingli, Gott und die Universit\u00e4t Z\u00fcrich"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Beitrag stammt aus dem <a href=\"https:\/\/issuu.com\/uzhch\/docs\/uzh_magazin_2_25\">UZHmagazin, Nr. 2\/2025<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vor 500 Jahren hielt Reformator Huldrych Zwingli im Grossm\u00fcnster Bibelstunden ab. Jahrhunderte sp\u00e4ter entstand daraus die Universit\u00e4t Z\u00fcrich. Damals pr\u00e4gte die Kirche die Welt, heute schwindet ihre Bedeutung. Was hat die Theologie der Gesellschaft noch zu sagen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"736\" src=\"https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/zwingli-1024x736.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4573\" srcset=\"https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/zwingli-1024x736.png 1024w, https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/zwingli-300x216.png 300w, https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/zwingli-768x552.png 768w, https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/zwingli-1536x1104.png 1536w, https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/zwingli-1100x790.png 1100w, https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/zwingli.png 1574w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Das Alte Testament auslegen: Die Reformation Huldrych Zwingli und Konrad Pellian im Kreis von Gelehrten. (Undatierter Stich)<br>Quelle: UZHmagazin, Nr. 2\/2025<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Montag, 19. Juni 1525, um 8 Uhr morgens: Eine Gruppe von Pfarrern, Chorherren und Sch\u00fclern versammelt sich im Z\u00fcrcher Grossm\u00fcnster. Die M\u00e4nner setzen sich auf die Holzb\u00e4nke zuhinterst im Chor und beten zu Gott, er m\u00f6ge sie leiten, die Heilige Schrift richtig zu verstehen. Dann schlagen sie die Bibel auf, lesen und \u00fcbersetzen \u2013 in Latein, Hebr\u00e4isch und Griechisch. Sie beginnen ganz zuvorderst bei Genesis 1 \u2013 \u00abIm Anfang schuf Gott Himmel und Erde\u00bb. In der Folge arbeiten sie sich vor, Vers f\u00fcr Vers, Tag f\u00fcr Tag, ausser Freitag, dem Markttag, und Sonntag.<br>Es sind dies die ersten \u00abVorlesungen\u00bb in Z\u00fcrich \u00fcberhaupt. Vielleicht w\u00e4re \u00abSeminare\u00bb das bessere Wort, da der Austausch ausdr\u00fccklich erw\u00fcnscht ist. Die Bibelstunden, die als \u00abProphezey\u00bb bekannt sind, sollten zum Vorl\u00e4ufer der h\u00f6heren Bildung in Z\u00fcrich werden. Nur wenige Jahre sp\u00e4ter kommt mit Conrad Gessner ein erster Naturwissenschaftler an das Grossm\u00fcnsterstift. Sp\u00e4ter werden dort auch Handwerkskunst, Geografie und Franz\u00f6sisch gelehrt. Doch das alles braucht viel Zeit: Erst 1833, also drei Jahrhunderte nach der \u00abProphezey\u00bb, wird die Universit\u00e4t Z\u00fcrich offiziell gegr\u00fcndet.<br>Von alledem wissen die Herren, die sich 1525 erstmals treffen, nichts. Die Reformation ist gerade in vollem Gang. Der Z\u00fcrcher Rat hat Huldrych Zwingli, Leutpriester am Grossm\u00fcnster, gr\u00fcnes Licht gegeben f\u00fcr die \u00abProphezey\u00bb. Damit sollen Hebr\u00e4isch, Griechisch und Latein gelehrt werden \u2013 die drei Sprachen, die \u00abzuo rechtem verstand der g\u00f6ttlichen gschriften ganz notwendig sind\u00bb. Die Lektionen sollen gem\u00e4ss dem Auftrag von \u00abgelert, kunstrich, sittig m\u00e4nner\u00bb gehalten werden \u2013 also M\u00e4nnern wie Zwingli, der in Wien die \u00absieben freien K\u00fcnste\u00bb sowie in Basel Theologie studiert hatte. Als Resultat der t\u00e4glichen Seminare sollte Jahre sp\u00e4ter die Z\u00fcrcher Bibel\u00fcbersetzung entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Altgl\u00e4ubige Pfarrer \u00abumerziehen\u00bb<\/strong><br>500 Jahre nach den Urv\u00e4tern der Universit\u00e4t steht Judith Engeler vor dem Grossm\u00fcnster-Chor und erkl\u00e4rt, warum es falsch w\u00e4re, Zwingli als Gr\u00fcndervater der Forschung im heutigen Sinn zu bezeichnen. \u00abEr wollte in erster Linie die altgl\u00e4ubigen Pfarrer \u2039umerziehen\u203a\u00bb, sagt sie. So wurde die \u00abProphezey\u00bb f\u00fcr die Geistlichen der Stadt auch zur Pflichtveranstaltung gemacht.<br>Engeler ist Postdoktorandin und Habilitandin an der UZH und hat im Rahmen ihrer Doktorarbeit zur Reformation geforscht. Konkret untersuchte sie die Vorg\u00e4nge rund um das Erste Helvetische Glaubensbekenntnis von 1536. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 500-Jahr-Jubil\u00e4um der \u00abProphezey\u00bb erarbeitet sie gemeinsam mit Studierenden eine kurze F\u00fchrung zu den Ereignissen von damals (siehe Kasten unten). Das Beispiel der \u00abProphezey\u00bb zeige, dass die Reformation keineswegs von unten stattgefunden hat, f\u00fchrt Engeler aus. \u00abDie sch\u00f6ne Idee der Reformation, wonach jeder die Bibel selber lesen und verstehen sollte, war damals einfach nicht praktikabel.\u00bb Einerseits, weil l\u00e4ngst nicht jeder lesen konnte. Andererseits, weil eine Bibel f\u00fcr die allermeisten viel zu teuer war. \u00abSie kostete einen Handwerkermeister einen halben Monatslohn.\u00bb<br>Dass es vielmehr eine \u00abReformation von oben\u00bb war, zeigte sich auch bei Zwingli selbst. Er  pers\u00f6nlich habe, nachdem die Bibelstellen in verschiedenen Sprachen vorgetragen und miteinander verglichen worden waren, die Gesamtdeutung des Textes \u00fcbernommen. \u00abNach den \u00dcbersetzungen und Diskussionen sagte er mehr oder weniger, was gilt\u00bb, so Engeler. Historischen Quellen ist zu entnehmen, dass im Anschluss an die Seminare jeweils um 9 Uhr ein Gottesdienst f\u00fcr das Normalvolk stattfand. Ein Pfarrer \u00fcbersetzte das zuvor in verschiedenen Sprachen Gelernte \u00abin guot T\u00fctsch\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verstehen, wer wir sind<\/strong><br>Dass es Theologen waren, die am Ursprung der Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t Z\u00fcrich standen, ist nicht aussergew\u00f6hnlich. Auch die meisten anderen Hochschulen Europas gehen auf<br>Institutionen zur\u00fcck, in denen urspr\u00fcnglich Pfarrer ausgebildet wurden. Das Schulwesen im Mittelalter und in der fr\u00fchen Neuzeit war Aufgabe der Kirche. Staatliche Schulen gab es<br>damals noch nicht. Wer es sich leisten konnte, besuchte wie Zwingli eine private Lateinschule und studierte danach an einer der wenigen Universit\u00e4ten in Europa, Basel, Heidelberg,<br>Wien, Paris, Mailand, Bologna oder Pisa. Ziel von h\u00f6herer Bildung war es oft, das Volk religi\u00f6s zu erziehen. Die \u00abProphezey\u00bb, zwischen Lateinschule und Universit\u00e4t angesiedelt,<br>bildete dabei keine Ausnahme. Als Pfarrerin und Theologin an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich ist Judith Engeler eine Nachfolgerin der Gelehrten der \u00abProphezey\u00bb. Sie repr\u00e4sentiert aber auch die heutige Generation von Theologinnen, die mit den \u00abgelert, kunstrich, sittig m\u00e4nner\u00bb von damals praktisch nichts zu tun haben: j\u00fcnger, diverser, moderner. Und was die Studieninhalte betrifft: wissenschaftlich frei statt an ein Bekenntnis gebunden.<br>Daf\u00fcr hat die heutige Generation von Theologen mit anderen Problemen zu k\u00e4mpfen, die den Theologen von damals fremd waren. Die reformierte wie auch die katholische Kirche verlieren seit Jahrzehnten dramatisch an Mitgliedern. Entsprechend schwindet die Bedeutung von Kirche und Theologie. Was verlieren wir dabei? Wo kann sich die Theologie heute noch einbringen? Um diese Fragen zu beantworten, bittet Engeler in ihr wenige Schritte entferntes B\u00fcro im Theologischen Seminar. Dieses befindet sich in den R\u00e4umlichkeiten des ehemaligen Chorherrenstifts.<br>Dorthin verlegten die Gelehrten ihre Bibelstunden nach einiger Zeit. Denn die \u00abProphezey\u00bb koppelte sich immer mehr vom anschliessenden Gottesdienst ab. Ausserdem war es im<br>Chor des Grossm\u00fcnsters im Winter richtig kalt \u2013 da kam den Gelehrten die \u00abChorherrenstube\u00bb, der einzige beheizbare Raum weit und breit, gerade recht. Noch heute gibt es im Stift einen Kreuzgang, doch der Bau ist mehrheitlich nicht mehr original. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Grossm\u00fcnsterstift abgebrochen und durch den Neubau einer M\u00e4dchenschule ersetzt. In ebendiesem Kreuzgang bleibt Engeler kurz vor einem Druck an der Wand stehen, der Z\u00fcrich im Jahr 1576 zeigt. \u00abWie klein die Stadt damals war\u00bb, sagt sie und zeigt auf den Ort, wo sich heute das Hauptgeb\u00e4ude der Universit\u00e4t Z\u00fcrich befindet \u2013 ausserhalb der Stadtmauer. Der Standort des heutigen Hauptbahnhofs befindet sich am \u00e4ussersten Rand der Karte. Als sie schliesslich auf ihrem B\u00fcrostuhl sitzt, sagt Engeler: \u00abDie Bedeutung von Religionen nimmt nicht ab.\u00bb Sie denkt kurz nach, erw\u00e4hnt die Entwicklungen in den USA und andernorts auf der Welt, wo Fundamentale mehr denn je das Sagen haben, und pr\u00e4zisiert: \u00abVielleicht kann man sagen: Die Bedeutung reflektierter Religion nimmt ab.\u00bb Sie sieht viele Themen, wo sich Theologinnen einbringen k\u00f6nnten. \u00abDenn den Glauben an irgendwas wird es immer geben.\u00bb In ihrer Rolle als Kirchenhistorikerin k\u00f6nne sie dazu beitragen, zu verstehen, warum wir sind, wer wir sind. \u00abUnsere Gesellschaft ist massgeblich vom Christentum gepr\u00e4gt. Und das Bed\u00fcrfnis nach Sinndeutung ist heute genauso sehr vorhanden wie fr\u00fcher.\u00bb<br>Eine wichtige Aufgabe von Theologie f\u00fcr die Gesellschaft sieht Engeler darin, ideologiekritisch zu sein. \u00abWir m\u00fcssen uns bewusst sein, dass wir immer falschliegen k\u00f6nnen. Auch wenn wir heute noch so sicher sind, dass beispielsweise Aufr\u00fcstung das Richtige ist. In 100 Jahren wird man vieles, was wir heute tun und was wir ehrlich und redlich f\u00fcr das Beste halten, ganz anders beurteilen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Unsere Gesellschaft ist massgeblich vom Christentum gepr\u00e4gt. Das Bed\u00fcrfnis nach Sinndeutung ist heute genauso vorhanden wie fr\u00fcher.<\/p>\n\n\n\n<p>Judith Engeler, Theologin<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>G\u00f6tter als moralische Instanzen<\/strong><br>Zur Frage, was die Theologie der Gesellschaft heute noch zu sagen hat, hat auch Konrad Schmid einiges zu sagen. Der UZH-Professor ist Vorsteher des Theologischen Seminars und einer der renommiertesten Theologen der Schweiz. Schmid besch\u00e4ftigt sich unter anderem mit der Frage, wie der Glaube an eine h\u00f6here Macht zu einem zentralen Faktor f\u00fcr die Ordnung der Gesellschaft wurde. Ein von ihm initiiertes und von der EU gef\u00f6rdertes Forschungsprojekt tr\u00e4gt den Titel \u00abHow God became a lawgiver\u00bb. Schmid sagt: \u00abWir fragen uns, wie es \u00fcberhaupt dazu kam, dass Menschen nicht nur an G\u00f6tter glaubten, die Blitze vom Himmel schickten oder die Erde beben liessen, sondern auch an G\u00f6tter als moralische und rechtliche Instanzen.\u00bb<br>So gibt es im Alten Testament auch zahlreiche juristische Passagen, die als Gottesrecht pr\u00e4sentiert werden. Zum Beispiel wird im zweiten Buch Mose die Todesstrafe erw\u00e4hnt: \u00abWer einen Menschen schl\u00e4gt, so dass er stirbt, muss get\u00f6tet werden.\u00bb Aber auch ganz banale Vergehen werden geschildert und Strafen vorgeschlagen: \u00abWenn jemand eine Zisterne offen l\u00e4sst (\u2026) und es f\u00e4llt ein Rind oder ein Esel hinein, muss der Besitzer der Zisterne Ersatz leisten. Er muss dem Besitzer des Tieres Geld erstatten, das tote Tier aber geh\u00f6rt ihm.\u00bb<br>\u00abDie Bibel ist ein altes Buch\u00bb, sagt Schmid, \u00abdas sollte man nie vergessen. In Teilen ist sie patriarchal, xenophob, sexistisch. Auf jeden Fall nicht politisch korrekt.\u00bb Ihre Schriften m\u00fcssen deshalb historisch und kritisch gelesen werden, da sie in eine vergangene, nicht in unsere Zeit hineinsprechen. Warum sollten wir uns heute noch mit der Bibel und der Religion besch\u00e4ftigen? Zum einen gehe vergessen, dass schweizweit nach wie vor mehr Menschen am Sonntag in Gottesdienste gehen als zu manchem Vereinsanlass, so Schmid. Zum anderen sagt er: \u00abAlle Menschen sind im weiteren Sinne religi\u00f6s.\u00bb Er begr\u00fcndet dies damit, dass \u00abniemand darum herumkommt, sich mit zwei fundamentalen geistigen Herausforderungen zu besch\u00e4ftigen.\u00bb Erstens: unsere Endlichkeit. Zweitens: die Zuf\u00e4lligkeit unserer Existenz. \u00abAlle werden sterben. Und niemand kann sich aussuchen, ob er im dritten Jahrhundert in Afrika oder im 20. Jahrhundert in der Schweiz auf die Welt kommt.\u00bb Mit diesen beiden Fragen, die unsere Kultur massgeblich gepr\u00e4gt h\u00e4tten, besch\u00e4ftige sich die Theologie. \u00abUnd wer \u00fcber dies Fragen nachdenkt, denkt im Grunde religi\u00f6s\u00bb, so Schmid.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wir Menschen sind viel st\u00e4rker von dem gepr\u00e4gt, was wir nicht kontrollieren k\u00f6nnen, als von dem, was in unserer Macht steht.\u00bb <\/p>\n\n\n\n<p>Konrad Schmid, Theologe<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>\u00abGeistige Verwahrlosung\u00bb<\/strong><br>Auch Schmids B\u00fcro befindet sich im ehemaligen Grossm\u00fcnsterstift, auf der diagonal gegen\u00fcberliegenden Seite des Kreuzgangs. Zur Frage, was die Theologie zu aktuellen politischen Debatten beitragen kann, sagt der UZH-Professor: \u00abEin Auftrag von Theologen ist es, Schindludereien zu entlarven, die mit Religion getrieben werden.\u00bb Als solche bezeichnet er beispiels-weise das unter amerikanischen Evangelikalen verbreitete \u00abProsperity Gospel\u00bb, das sogenannte Wohlstandsevangelium, wonach Reichtum ein Zeichen f\u00fcr Gottes Erw\u00e4hlung sei. \u00abW\u00e4hrend sich die Debatten um \u00f6konomische Fragen drehen, sehe ich vor allem geistige Verwahrlosung in einem Land, das nur mehr das Recht des St\u00e4rkeren durchsetzen will\u00bb, sagt Schmid.<br>Konrad Schmid ist keiner, der sich im Kleinklein von theologischem Fachwissen verliert. Wenn er spricht, zeichnet er immer auch das ganz grosse Bild mit. Als der emeritierte UZH-Professor Carel van Schaik und Kai Michel vor einigen Jahren mit ihrem Buch \u00abDas Tagebuch der Menschheit: Was die Bibel \u00fcber unsere Evolution verr\u00e4t\u00bb durch die Schweiz tourten, war er es, der die Debatte mit dem Anthropologen und dem Historiker um das Erbe der Bibel aufnahm.<br>Wie Engeler sieht Schmid eine Funktion der Theologie auch in der Ideologiekritik. Er beschreibt sie mit der \u00abEthik des Vorletzten\u00bb, die der Theologe und Nazi-Widerstandsk\u00e4mpfer Dietrich Bonhoeffer gepr\u00e4gt hatte. Unsere Welt sei nur das Vorletzte, so die Idee. Das Letzte hingegen sei eine Wahrheit, die nicht in unseren H\u00e4nden liegt \u2013 was Religionen als gottgemacht bezeichnen. \u00abWir Menschen sind viel st\u00e4rker von dem gepr\u00e4gt, was wir nicht kontrollieren k\u00f6nnen, als von dem, was in unserer Macht steht\u00bb, so Schmid. Entsprechend k\u00f6nne niemand sagen, was das Letztg\u00fcltige ist. \u00abWir wissen es nicht besser.\u00bb <br>Nirgends sonst als in diesem Punkt werde die Theologie derart missverstanden, f\u00e4hrt er fort. Er erw\u00e4hnt als Beispiel die Pr\u00e4ambel der Bundesverfassung. Diese beginnt mit den Worten: \u00abIm Namen Gottes des Allm\u00e4chtigen\u00bb. Immer wieder komme der Vorschlag, die Pr\u00e4ambel sei zu streichen, weil sie in der heutigen, s\u00e4kularen Gesellschaft nicht mehr zeitgem\u00e4ss sei \u2013 Gott habe in der Verfassung nichts zu suchen. \u00abDabei weist der Satz darauf hin, dass die Verfassung von Menschen und eben nicht von G\u00f6ttern geschrieben ist. Dass wir eben nicht \u00fcber die letzte Wahrheit verf\u00fcgen.\u00bb<br>Dass die Bundesverfassung mit Gott beginnt, zeigt nicht nur, wie stark unsere Gesellschaft vom Christentum gepr\u00e4gt ist. Es bringt Konrad Schmid auch auf einen weiteren Gedanken: Sind die Kirchen hierzulande vielleicht auch darum auf dem R\u00fcckmarsch, weil ihre Funktion f\u00fcr die Gesellschaft l\u00e4ngst erf\u00fcllt ist? \u00abIn der Bundesverfassung stehen S\u00e4tze wie \u2039Die St\u00e4rke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen\u203a. Wenn es so ist, dass die Werte des Christentums im Staat aufgegangen sind, ja dann ist der R\u00fcckgang der Kirche f\u00fcr sich genommen keine Katastrophe.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Beitrag stammt aus dem UZHmagazin, Nr. 2\/2025. Vor 500 Jahren hielt Reformator Huldrych Zwingli im Grossm\u00fcnster Bibelstunden ab. Jahrhunderte sp\u00e4ter entstand daraus die Universit\u00e4t Z\u00fcrich. Damals pr\u00e4gte die Kirche die Welt, heute schwindet ihre Bedeutung. Was hat die Theologie der Gesellschaft noch zu sagen? Montag, 19. 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