{"id":3989,"date":"2022-01-23T07:40:19","date_gmt":"2022-01-23T07:40:19","guid":{"rendered":"https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/?p=3989"},"modified":"2022-01-23T07:40:19","modified_gmt":"2022-01-23T07:40:19","slug":"machs-na","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/index.php\/2022\/01\/23\/machs-na\/","title":{"rendered":"Machs na!"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Beitrag stammt vom Artikel &#8222;Vom Verdr\u00e4ngten Vormachen und Nachmachen&#8220; von Carl Bossard, welche unter <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/condorcet.ch\/2022\/01\/vom-verdraengten-vormachen-und-nachmachen\/\" target=\"_blank\">https:\/\/condorcet.ch\/2022\/01\/vom-verdraengten-vormachen-und-nachmachen\/<\/a> publiziert ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das selbstgesteuerte Lernen dominiert den didaktischen Diskurs. Doch lernen wir nicht auch \u00fcber das Vorgezeigte, \u00fcber das Mitmachen und das Nachmachen? Gedanken zu einer verp\u00f6nten Urform der P\u00e4dagogik von Condorcet-Autor Carl Bossard.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"885\" height=\"500\" src=\"https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Machs-na-Bossard-885x500-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3992\" srcset=\"https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Machs-na-Bossard-885x500-1.jpg 885w, https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Machs-na-Bossard-885x500-1-300x169.jpg 300w, https:\/\/ahornblatt.ch\/simonboller\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Machs-na-Bossard-885x500-1-768x434.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 885px) 100vw, 885px\" \/><figcaption>\u00abmachs na\u00bb (\u00abmach es nach\u00bb) \u2013 Inschrift an einem Pfeiler des Berner M\u00fcnsters Foto: Xxlstier\/Wikimedia<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er war gewiss ein selbstbewusster K\u00fcnstler und wusste, dass er etwas konnte: der Bildhauer und Baumeister Erhart K\u00fcng (ca. 1420-1507). Als Steinmetz kam er um 1455 nach Bern; schon bald zeichnete er als Werkbaumeister am Neubau des Berner M\u00fcnsters verantwortlich. Eindr\u00fccklich noch heute seine Skulpturengruppe mit den \u00abJ\u00fcngsten Gericht\u00bb am mittleren Westportal. Und von ihm stammt wohl auch die stolze Inschrifttafel am Strebepfeiler bei der Schultheissenpforte; sie ist in Stein gemeisselt und zeugt, vielleicht ein wenig protzig, von seinem k\u00fcnstlerischen K\u00f6nnen: \u00abmachs na\u00bb (\u00abmach es nach\u00bb).<a href=\"https:\/\/condorcet.ch\/2022\/01\/vom-verdraengten-vormachen-und-nachmachen\/#_edn1\">[i]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00ab<\/strong><strong>Ich zeige es dir; versuch\u2018s nun selber!<\/strong><strong>&nbsp;\u00bb<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;<\/strong>Sie \u00fcberrascht nicht, die Position zwei von Vorzeigen und Nachmachen bei den zw\u00f6lf Grundformen in Aeblis \u00abAllgemeiner Didaktik\u00bb. Der methodische Imperativ \u00abmachs na\u00bb geh\u00f6rt, geschwollen ausgedr\u00fcckt, zu den anthropologischen und lerntheoretischen Grundkonstanten. Wie lernt der junge Mensch sprechen? Ohne das Vorbild der menschlichen Sprache ist dieser anspruchsvolle Lernprozess nicht m\u00f6glich. Oder welch ungeahnter Wert liegt im Erz\u00e4hlen von M\u00e4rchen und im Vorlesen von Geschichten f\u00fcrs sp\u00e4tere Selberlesen! Und wie kommt das kleine Kind zum Schuh-Binden? Schau, ich zeig\u2019s dir; versuche es nun selber! Das Kind beobachtet, wie es funktioniert, und macht es nach \u2013 am Anfang vielleicht noch mit Hilfen. Es probiert, immer und immer wieder!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom notwendigen und systematischen Anleiten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Gleiche gilt f\u00fcr die Schule. Im Instrumentalunterricht ist das Vormachen gang und g\u00e4be; oder beispielsweise im Fach Angewandte Gestaltung: Hier zeigt der Lehrer hilfreiche Handgriffe vor \u2013 und \u00f6ffnet so die T\u00fcr zur Welt des Selbermachens \u2013 \u00fcber die Prozesse des Anschauens, Nachdenkens, Probleml\u00f6sens. Fundamental ist das eigene Tun der Lernenden. Ebenso grundlegend und notwendig aber bleibt die systematische Anleitung durch eine kompetente P\u00e4dagogin, einen versierten Lehrmeister.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es um den Erwerb von Fertigkeiten und Arbeitstechniken geht, spielen das Vorzeigen und \u201eVor-Handeln\u201c eine eminent wichtige Rolle. In allen F\u00e4chern. Die Lehrerin wirkt durch das, was sie kann und indem sie es auch vorzeigt und erkl\u00e4rt: im Franz\u00f6sischunterricht das Bilden bestimmter Laute wie des stimmhaften \u00abS\u00bb, im Englischen des \u00abTh\u00bb. In den Sportlektionen ist es das Demonstrieren eines Tanzschritts oder eines Weitsprungs. Der Lehrer wirkt auch, indem er eine Matheaufgabe sprechdenkend l\u00f6st, eine Textpassage selber eloquent vortr\u00e4gt, den Zeichenstift pers\u00f6nlich ergreift. All das geh\u00f6rt zu seinem lernwirksamen und nat\u00fcrlichen Methodenrepertoire.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zeigen als didaktisches Minimum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es erstaunt darum, wie wenig Wert in der heutigen P\u00e4dagogik und Didaktik dem Vorzeigen beigemessen wird. Vormachen sei lehrerzentriert und direktiv, wird argumentiert \u2013 und wenig kreativ. Es dominiert der Kreativit\u00e4tsimperativ. Das Kind m\u00fcsse am besten alles selber entdecken \u2013 spielerisch und \u00abaus sich selbst heraus\u00bb, heisst es. Sogar das Alphabet wird an gewissen Orten so gelernt, das Schreiben sowieso. Wie wenn\u2019s kein Vorzeigen und Anleiten und Nachmachen als direkteste Form des Automatisierens von Fertigkeiten g\u00e4be! Ob sich hier ein Zusammenhang ergibt mit den schw\u00e4cher gewordenen PISA-Ergebnissen im Fach Deutsch?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ganz anders t\u00f6nen die Botschaften renommierter Bildungsforscher! Das massgebende p\u00e4dagogische K\u00f6nnen sei die Zeigekompetenz, schreibt der deutsche Erziehungswissenschaftler Klaus Prange. Und er f\u00fcgt bei: \u00abDas ist sozusagen das didaktische Minimum [\u2026].\u00bb<a href=\"https:\/\/condorcet.ch\/2022\/01\/vom-verdraengten-vormachen-und-nachmachen\/#_edn3\">[iii]<\/a>&nbsp;Plausibel t\u00f6nt das, und es leuchtet ein, denn die elementarste Form nat\u00fcrlicher P\u00e4dagogik liege in der Demonstration. Davon ist der amerikanische Evolutionsbiologe Michael Tomasello zutiefst \u00fcberzeugt: \u00abMan zeigt jemanden, wie etwas gemacht wird, indem man es entweder unmittelbar tut oder auf irgendeine Weise pantomimisch darstellt. Und wie die Kommunikation wird die Handlung nicht um ihrer selbst willen vollzogen, sondern zum Vorteil des Beobachters oder des Lernenden.\u00bb<a href=\"https:\/\/condorcet.ch\/2022\/01\/vom-verdraengten-vormachen-und-nachmachen\/#_edn4\">[iv]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00ab<\/strong><strong>Machs na<\/strong><strong>\u00bb als notwendiges Korrektiv<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das meinte vielleicht der Steinmetz Erhart K\u00fcng. Er konnte etwas, und er zeigte es vor; \u00abmachs na\u00bb verk\u00fcndet er vom Berner M\u00fcnster in steinernen Lettern weit ins Land hinaus. Bis heute hat dieser Imperativ nichts von seinem Wert verloren \u2013 auch in der Schule nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abMachs na\u00bb ist nicht nur eine Urform des Lernens; sie k\u00f6nnte ein methodisches Korrektiv zum heute gar stark gewichteten selbstgesteuerten Lernen sein. Dies im Wissen, dass Vorzeigen und Nachmachen zwar eine sehr wichtige, aber doch nur eine von vielen Methoden darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/condorcet.ch\/2022\/01\/vom-verdraengten-vormachen-und-nachmachen\/#_ednref1\">[i]<\/a>&nbsp;Zu sehen ist eine Kopie; das Original befindet sich im Bernischen Historischen Museum.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/condorcet.ch\/2022\/01\/vom-verdraengten-vormachen-und-nachmachen\/#_ednref2\">[ii]<\/a>&nbsp;Hans Aebli (2011),&nbsp;<em>Zw\u00f6lf Grundformen des Lehrens Eine Allgemeine Didaktik auf psychologischer Grundlage. Medien und Inhalte didaktischer Kommunikation, der Lernzyklus.<\/em>&nbsp;14. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 65ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/condorcet.ch\/2022\/01\/vom-verdraengten-vormachen-und-nachmachen\/#_ednref3\">[iii]<\/a>&nbsp;Klaus Prange (2012,&nbsp;<em>Die Zeigestruktur der Erziehung. Grundriss der Operativen P\u00e4dagogik.<\/em>&nbsp;2. Aufl. Paderborn: Ferdinand Sch\u00f6ningh, S. 78.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/condorcet.ch\/2022\/01\/vom-verdraengten-vormachen-und-nachmachen\/#_ednref4\">[iv]<\/a>&nbsp;Michael Tomasello (2014),&nbsp;<em>Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens.<\/em>&nbsp;Frankfurt\/M.: Suhrkamp, S. 96.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Beitrag stammt vom Artikel &#8222;Vom Verdr\u00e4ngten Vormachen und Nachmachen&#8220; von Carl Bossard, welche unter https:\/\/condorcet.ch\/2022\/01\/vom-verdraengten-vormachen-und-nachmachen\/ publiziert ist. Das selbstgesteuerte Lernen dominiert den didaktischen Diskurs. Doch lernen wir nicht auch \u00fcber das Vorgezeigte, \u00fcber das Mitmachen und das Nachmachen? Gedanken zu einer verp\u00f6nten Urform der P\u00e4dagogik von Condorcet-Autor Carl Bossard. 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